Interview zur Situation der HS Bremen 2014

„Wir sind keine Lernfabrik“

Von Sara Sundermann

An der Jacobs University kommen auf einen Professor zehn Studierende. Wie ist es bei Ihnen an der Hochschule?

Hans-Heinrich Bass: Lassen wir die private Jacobs Universität mal außen vor und schauen nur auf die staatlichen Fachhochschulen. In Bremen kommen 60 Studierende auf eine Professur. Der bundesweite Schnitt liegt bei 45. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studierenden bei uns um rund 2000 gestiegen, aber im gleichen Zeitraum sind neun Professuren weggefallen.

Wie erklären Sie sich den Anstieg der Studierendenzahlen?

Die Hochschule Bremen überzeugt viele Abiturienten durch eine praxisnahe, strukturierte Ausbildung und durch die internationale Ausrichtung. Ein Auslandsjahr ist bei uns fast überall verpflichtend. Durch Abkommen mit ausländischen Hochschulen ist schon geklärt, welche Auslandskurse wie angerechnet werden. Darüber hinaus haben wir eine Reihe von Leuchtturmstudiengängen, die auch Studierende aus dem Binnenland an die Waterkant ziehen.

Sie kritisieren die steigende Arbeitsbelastung für Professoren der Hochschule. Wo macht sich das im Alltag bemerkbar?

Wir sind eine Hochschule und keine Lernfabrik. Daher können wir nicht immer mehr Studierende mit immer weniger Professuren bei gleichbleibender Qualität ausbilden. Bislang haben wir versucht, das Schlimmste zu verhindern und weiterhin die beste Lehrqualität anzubieten. Viele Profs schieben einen Berg von Überstunden vor sich her. Anfragen von Studierenden werden per Email auch noch spätabends beantwortet. Forschung findet oft nur noch in der Freizeit statt. Da sind wir jetzt am Limit.

Wie kann man denn überhaupt die Qualität der Lehre aufrechterhalten, wenn die Studierenden mehr und die Professoren weniger werden?

Inzwischen wird bei uns die Hälfte aller Lehrveranstaltungen von Lehrbeauftragten übernommen. Das sind junge Wissenschaftler oder Praktiker, die uns punktuell gut unterstützen können. Sie können aber keine Professuren ersetzen.

Woran merkt man das konkret?

Lehrbeauftragte sind oft stark spezialisiert. Aber für die Einordnung des Wissens ist ein Überblick über das ganze Fach erforderlich. Aus diesem Grund sagt auch der Wissenschaftsrat, dass die Quote der Lehraufträge an Fachhochschulen nicht höher als 20 Prozent sein sollte und dass Lehrbeauftragte vorwiegend in Spezialfächern eingesetzt werden sollten.

Was bedeutet ein hoher Anteil von Lehrbeauftragten für die Studierenden?

Lehrbeauftragte reisen oft nur für ihre Seminare an. Die Professoren sind dagegen die Ansprechpartner in allen Studienabschnitten: für die Erstsemester, die Orientierung suchen, in der Spezialisierungsphase und für die Abschlusssemester. Da ist doch klar, dass es einen Unterschied macht, ob 45 oder 60 Studierende auf eine Professur kommen. Je schlechter das Betreuungsverhältnis, desto länger etwa die Wartezeit in der Sprechstunde.

Aber auch für die Lehrbeauftragten ist die Situation nicht einfach. Sie werden in Bremen sehr schlecht bezahlt. Allein durch Lehraufträge kann sich ein junger Wissenschaftler nicht finanzieren. Und weil wir an der Hochschule fast keinen wissenschaftlichen Mittelbau haben, können wir den Lehrbeauftragten auch keine Perspektive bieten.

Für die Bremer Uni werden bereits Studiengänge genannt, die eventuell geschlossen werden sollen. Wie sieht es an der Hochschule aus?

Der Wissenschaftsrat empfiehlt für die Hochschule einen Abbau von Studienplätzen. Nur drei Viertel unserer Studienplätze seien ausfinanziert. Entsprechend viele Studienplätze könnten wegfallen. Zurzeit kommen mehr Studierende aus anderen Bundesländern nach Bremen als bremische Abiturienten in andere Bundesländer abwandern. Das könnte sich bald ändern.

Welche Fächer könnten bei Ihnen von der Abschaffung bedroht sein?

Gefährdet sind einige Leuchtturmstudiengänge, etwa Politikmanagement, Journalistik und Volkswirtschaft. Diese Fächer sind weniger mit anderen verwandt, so dass man durch Zusammenlegung von Veranstaltungen nur wenig einsparen kann.

Welche Bedeutung haben die Fachhochschulen für die Gesellschaft in Bremen?

Fachhochschulen tragen zur Chancengleichheit im Bildungssystem bei. Von den Abiturienten mit Migrationshintergrund geht jeder Zweite an eine Fachhochschule. Zudem kommen bei uns 62 Prozent der Studierenden aus Familien, in denen die Eltern keinen akademischen Hintergrund haben. An den Unis sind das nur 45 Prozent. Wir leisten einen wichtigen Beitrag für den sozialen Aufstieg durch Bildung.

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Zur Person: Hans-Heinrich Bass war bis Mitte März 2016  Vorsitzender des Hochschullehrerbunds (hlb) im Land Bremen. Er ist Professor für Internationale Wirtschaft an der Hochschule Bremen und Leiter des Internationalen Studiengangs Volkswirtschaftslehre. Der Bremer Hochschullehrerbund vertritt derzeit etwa 60 Professoren in Bremen und Bremerhaven.

Quelle: Weser Kurier, 31. März 2014